Kleine Völker des russischen Nordens kämpfen ums Überleben – Vortrag von Tjan Zaotschnaja bei der GfbV

Der folgenden Text stammt aus der Rede Kleine Völker des russischen Nordens kämpfen ums Überleben, gehalten von Tjan Zaotschnaja am Samstag, 3. November 2012 in Göttingen, bei der Jahreshauptversammlung der Gesellschaft für bedrohte Völker 2012, am 2.-4. November 2012 (in der alten Fechthalle der Universität Göttingen/Balletschule „art la danse“, Geiststraße 6).

Menschenrechte im Fokus: Authentische Stimmen – kritische Berichte

Guten Tag!

Danke für die Möglichkeit, heute hier etwas über die Situation der Indigenen in Russland zu sagen.

Meiner Rede heute habe den Titel gegeben „На круги своя» – „Ein Teufelskreis“

Im Juni dieses Jahres waren wir – drei Frauen aus München – bei der Sommerschule für Itelmenisch auf Kamtschatka. Dort ging es selbstverständlich um die Sprache, ein Tag aber wurde dem Thema «Stalinistischen Repressionen» gewidmet. Denn die Repressionen haben auch tiefe Auswirkungen auf die Erhaltung der itelmenischen Kultur und Sprache gehabt. Die Repressionen haben viele Menschen, u.a. auch Itelmenen zum Schweigen gebracht. Erst 1995 brachen sie ihr Schweigen.

Ich freute mich damals sehr, dass endlich auch über dieses Thema öffentlich gesprochen wurde, war aber «blauäugig», denn in 20 Jahren traf ich immer wieder Menschen, die daran zweifelten, dass die Repressionen nun der Vergangenheit angehören. Verdammt, sie haben recht gehabt.

Seit 2009 wandte sich das Blatt tatsächlich – nach den Protestaktionen der Indigenen Kamtschatkas gegen Regelungen für die kommerzielle Fischerei wurden einige von ihnen zum Geheimnisdienst zitiert.

Seitdem sind Vorladungen zum Geheimdienst eine «Norm» geworden – so scheint es mir nach den Gesprächen mit Leuten dort zu sein.

Auch nach der Sommerschule für Itelmenisch in Juni 2012 gab es mindestens eine Vorladung zum FSB.

Ich muss immer wieder feststellen, dass das zu Misstrauen in den zwischenmenschlichen Beziehungen führt.

In diesem Jahrhundert wurden die Rechte der Indigenen aus den Gesetzen in Russland immer mehr «ausgewaschen» – so sagen die Indigenen:

Aus den Wald-, Wasserkodex, Landrechte, Fischfangrechte etc. Wir können es aus zahlreichen Memoranden, Dokumentationen der GfbV entnehmen, auch Artikeln in «pogrom» – (auf Infotisch verweisen).

Damit ist es aber nicht genug.

Am 19. September 2012 veröffentlichte die GfbV auf der Blogseite den Artikel «Blauäugiges» Russland, verfasst von Sergej Prokopkin.

Im Artikel sind Einzelheiten zu Versammlungsfreiheit, Internetzensur, Verleumdungsparagraph, ausländische Agenten, Wirtschaft, Kirche gut geschildert.

Letzte Woche bekam ich die Nachricht (Newsletter des Informationszentrum «Latsch» Nr 35 (418) vom 30.10.2012):

Im Punkt 14. steht die «Schwarze Liste von Internetseiten». Die Quelle «Beschluß der Russischen Regierung vom 26. Okt. 2012 Nr. 1101 «Über dem einheitlichen automatisierten Infosystem «einheitlicher Register von Domänen etc. ….»

Der Rechtsanwalt von M. Chodorkovskij Jury Schmidt schrieb in «Nowaja Gazeta» vom 13.10.2012 zu Änderungen in Strafgesetzgebung «Staatsverrat (§ 275) und «Preisgeben des Staatsgeheimnisses» (§ 283) vortrefflich:

Ich zitiere (frei übersetzt): «Wir beobachten ein merkwürdiges Erscheinen: die Deputierte verabschieden Gesetze, die ausschließlich der Einschränkung bürgerlicher Rechte gewidmet sind. Es sind Gesetze über Wahlen, Versammlungen, Verleumdungen, Preisgeben des Staatsgeheimnisses. Die genannten Gesetze fügen sich plastisch in die Aufgabe ein, die die Duma für sich selbst gestellt hat. Oder jemand stellte der Duma diese Aufgabe ….»

Es ist allgemein bekannt, dass Russland ein Rohstoffland ist. Und wir wissen auch, profitgierig sind nicht nur Wirtschaftunernehmer. Vor unseren Augen «fusionierten» immer mehr Machthabende und Wirtschaftunternehmer, und das hat enorme Auswirkung – sogar Bedrohung – auf das Leben der Indigenen Russlands. Sie sind zahlenmäßig klein, dadurch können sie dem Druck wie von Seiten der Regierung, auch der Wirtschaft kaum Widerstand leisten.

Pavel Wasiljewitsch Suljandziga von der Gesellschaftskammer (Obschestvennaja Palata) Russlands spricht in diesem Zusammenhang sogar von Leibeigenschaft. Irgendwo in den oberen Etagen wird das Land, auf dem eine indigene Gemeinschaft lebt, an einen Unternehmer vergeben. Menschen vor Ort erfahren von diesem Unternehmer und sind überrascht, dass sie nicht auf ihrem, sondern auf seinem Land leben… Wenn Pawel zur Hilfe gerufen wird und vor Ort ist, hat er das Gefühl der Schutzlosigkeit im eigenen Land.

* * *

Ich will dazu hier paar Beispiele bringen, damit Sie sich vorstellen können, wie es dort vor sich geht.

Wie ich bereits erwähnt habe, die Zeiten haben sich seit 2009 verändert. So wörtlich wurde es mir auf Kamtschatka gesagt.

Die Indigenen Kamtschatkas konnten im Frühling 2009 noch gegen die neuen Regelungen von Fischfangrechten demonstrierten und Unterschriften sammeln.

Damals unterstützte auch die GfbV ihre Bemühungen mit Briefe an die zuständigen russischen Stellen. (s. Presseerklärung vom 15. Mai 2009, Flyer)

Nach langen Verhandlungen hat sich die Situation in diesem Bereich verbessert, aber die Unsicherheit unter den Indigenen ist nach wie vor zu spüren. Denn der Fisch ist ein Ressource, womit man großes Geld machen kann.

Noch ein Beispiel. Das Informationszentrum «Latsch» hat 2009 die Information über die verheerende Lage eines Dorfes im Norden Kamtschatkas im Internet veröffentlicht: im Dorf gab es keinen Arzt, keine Medikamente, Kinder waren seit Monaten an irgendeinem Virus erkrankt. Kein Geschäft, kaum Lebensmittel, kein Radio, kein Transportmittel, keine Information, totale Isolation. Ein draußen stehender Telefonautomat war hin und wieder ein Draht zur Außenwelt – die Dorfbewohner hielten sogar Wachdienst in der Hoffnung, vielleicht ruft jemand an. Nach der Veröffentlichung dieser Nachricht haben die Behörden schnell Lebensmittel und Medikamente ins Dorf geschickt, waren aber sehr sauer auf die Mitarbeiter des Zentrums «Latsch» – denn die ganze Welt habe darüber erfahren…

Seit diesem Fall werden Veröffentlichungen immer weniger kritisch.

Ich kann es bestätigen – denn ich bekomme jede Woche den Newsletter vom Infozentrum «Latsch», und mehrmals im Jahr die Zeitung «Aborigen Kamtschatki».

Umgekehrt werden die Indigenen oder ihre Unternehmen in den Medien schlecht dargestellt– als Wilderer, als Nationalisten, als Scheinindigenen…

Sie werden schikaniert von verschiedenen Behörden – Geheimdienst, Polizei – und nicht nur auf Kamtschtka (Soskal Ajbek (Tyva), und ganz frisches Beispiel das Ewenkische Wirtschaftsunternehmen «Dylatscha» in Burjatien).

Über den Fall „Dylatscha“ will ich etwas mehr sagen.

Im Oktober 2012 waren auf der Webseite der RAIPON mehrere Artikel darüber.

Das Ewenkische Wirtschaftsunternehmen „Dylatscha“ fördert seit 20 Jahren Nephrit. Bis vor kurzem war der Preis für Nephrit niedrig. In diesem Jahr ist der Wert plötzlich gestiegen. China hat große Intresse an dem Stein und kauft viel direkt aus Burjatien. Im August bekam Burjatien das ausschließliche Recht alle Zollverfahren für Export von Nephrit aus Russland und Weissrussland durchzuführen.

Das hat bei einem Moskauer Unternehmen mit dem Namen „Russkaja nefritowaja kompanija“, deren Direktor ein Ex-General des FSB ist, einen „großen Appetit“ erweckt. Seit dem 4. Oktober 2012 führt das russische Unternehmen Razzien gegen das ewenkischen „Dylatscha“-Unternehmen durch. Offitiell wird dem „Dylatscha“ Grenzüberschreitung (выход за пределы отведенного участка) vorgeworfen.

In solchen Fällen wird der Streit juristisch geklärt.

Aber das Moskauer Unternehmen wählte eine andere – gewaltsame – Variante.

Sie kamen mit einer großen Gruppe von Polizisten, 3 (drei) Hubschrauben ins Gebiet, wo Ewenken Nephrit fördern.

Sie entführten den Leiter der Mine und einen Mitarbeiter. Der Aufenthaltsort blieb bis gestern unbekannt.

Sie beschlagnahmen Nephrit aus dem Lager – es wurden dabei keine Messungen gemacht. Schätzungsweise wurden 100 Tonnen Nephrit Richtung Ulan-Ude abtransportiert.

Mitarbeiter versuchten diese gewaltsame Aktion wenigstens zu photographieren – es wurde ihnen aber verboten.

Die Ewenken wandten sich an Putin, an die Gesellschaftkammer der RF.

Pawel Suljandziga von der Gesellschaftskammer war in Burjatien und schrieb aus seinem facebook folgendes:

Das Moskauer Unternehmen versucht durch die Medien das Ewenkische „Dylatscha“ zu deskriditieren, kaputt zu machen.

Pawel S. sprach mit Deputierten, einfachen Leuten. Fast alle haben Angst, die Wahrheit laut zu sagen – es sei gefährlich!

Er schreibt, die Ewenken können nur dann eine Chance haben, wenn Offenheit und Zusammenhalt geboten werden.

Er selbst als Mitglied der Gesellschaftskammer hat vor, öffentliche Anhörungen zu organisieren.

Ich bitte die GfbV den Fall zu analysieren, Kontakt zu den Ewenken aufzunehmen und sie zu unterstützen.

Damit bin ich zu dem Punkt gekommen, was können wir von hier machen.

……

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